Kreiszeitung 19.02.2026
Der Überflieger

Der Überflieger
Leon Braunsburger ist Pilot bei der Flugbereitschaft der Bundeswehr
 

Leon Braunsburger vor einer Global 5000, die er selbst fliegt. MICHAEL SCHWEKENDIEK
Leon Braunsburger vor einer Global 5000, die er selbst fliegt. MICHAEL SCHWEKENDIEK

 

Leon Braunsburger im Inneren der Global 5000. Insgesamt gibt es nur 13 Sitzplätze. MICHAEL SCHWEKENDIEK
Leon Braunsburger im Inneren der Global 5000. Insgesamt gibt es nur 13 Sitzplätze. MICHAEL SCHWEKENDIEK

 

Rotenburg/Köln – Angefangen hat alles beim Rotenburger Segelflugverein: Da war Leon Braunsburger mal der jüngste Flugschüler. 14 Jahre alt. Damals hatte er den Traum, Berufspilot zu werden. Den hat er umgesetzt. Braunsburger, inzwischen 29 Jahre alt, geht nach dem Abitur 2014 zur Bundeswehr, um dort seine fliegerische Ausbildung zu machen. Das schaffen nicht eben viele. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber es gilt als sicher, dass keine fünf Prozent derjenigen, die sich dafür bewerben, auch nur einen Ausbildungsplatz als Pilot bekommen. Braunsburger ist dabei, hat alle Hürden genommen und seit knapp drei Jahren seine Berufspilotenlizenz. Inzwischen ist er als Pilot bei der Flugbereitschaft der Bundeswehr in Köln. Dort haben wir ihn besucht.
Ankommen und erst einmal einchecken: Das ist bei einer Bundeswehrkaserne grundsätzlich üblich. Bei der Flugbereitschaft sowieso. Das sind ja keine schlichten Flieger, die da rumstehen, sondern speziell ausgerüstete VIP-Vögel. Also: Ausweis, Gesichtskontrolle, Fotografier-Erlaubnisschein. Das muss sein! Nachdem die erste Hürde genommen ist, kommt Hauptmann Leon Braunsburger, um zu zeigen, wo er seit gut einem Jahr arbeitet. Die Flugbereitschaft der Bundeswehr stellt den Transport von VIPs sowie weiterem Personal und Material weltweit sicher. Insgesamt 18 „Luftfahrzeuge“, wie es im Bundeswehr-Jargon heißt, stehen dafür zur Verfügung. Braunsburger ist bei der sogenannten weißen Flotte, die vor allem für den Transport der VIPs zuständig ist. In Anspruch nehmen dürfen diese: der Bundespräsident, der Bundeskanzler, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, die Bundesminister sowie die Fraktionsvorsitzenden im Bundestag. Und zwar nur diese! Braunsburger fliegt als Co-Pilot in einer „Bombardier Global 5000“. Dieses Flugzeug gilt als schnell (über 900 km/h), wendig und mit großer Reichweite. Der kanadische Hersteller Bombardier baut und verkauft sie vor allem als Privatflieger. Eine der Global 5000 steht gerade zur Reparatur in der Halle. Eine günstige Gelegenheit für den Besuch. Weitere fünf waren übrigens gerade in der Luft. In den momentanen Krisenzeiten sind Politiker unterwegs! Bevor es allerdings ins Allerheiligste geht, ist noch mal eine intensive Kontrolle von Mensch und Gepäck angesagt. Alles sehr gründlich – und alle sehr freundlich und zuvorkommend bei der Bundeswehr.
Das Flugzeug wirkt in der Halle nicht eben klein. Knapp 30 Meter lang, ist es im Inneren so ganz anders, als man das aus der Holzklasse nach Mallorca kennt: 13 Sitzplätze gibt es hier. Alle sehr edel, alles sehr komfortabel. Da kommt schon mal ein bisschen Neid auf. Allerdings: Wer so viel unterwegs ist wie heutzutage ein Spitzenpolitiker, von dem kann man schlichtweg nicht verlangen, sich in einen Normalsitz – welcher Klasse auch immer – zu zwängen. Das hier ist ein fliegendes Arbeitszimmer.
Fast noch deutlicher wird das im direkt nebenan stehenden Airbus A320, in den der Autor auch kurz hineinblicken kann. In so einem in „Normalausgabe“ saß er mal vor einiger Zeit Richtung Rom zusammen mit 179 weiteren Passagieren. Mehr geht auch kaum. Im Regierungsflieger ist alles recht viel geräumiger: Ganz vorne ist ein Sonderabteil ausgebaut. Hier sitzt in der Regel der „Bedarfsträger“, wie derjenige Politiker im Bundeswehr-Sprech genannt wird, der so einen Flieger geordert hat. Das geht, etwas vereinfacht gesagt, wie in meinem Alltag bei der Taxibestellung: Das Büro des Spitzenpolitikers ruft bei der Flugbereitschaft an, dann wird der Termin festgemacht und das entsprechende Flugzeug bereitgestellt. Der größte Flieger der Flotte ist ein Airbus A 350. Ein „Ultra-Langstrecken-Flugzeug“, wie Leon Braunsburger erklärt. Da können dann auch sehr viele Menschen mitfliegen: Politiker, Wirtschaftsbosse, Journalisten. In diesem Fall sind es 160 komfortable oder außerordentliche Sitzplätze. Fliegt man mit Linie nach New York oder Sydney, sind‘s auch schon gerne doppelt so viele.
Immerhin: Zehn Stunden nonstop ist auch Leon Braunsburger mit „seiner“ Global 5000 schon geflogen, nach Brasilien. „Mehr muss dann aber wirklich nicht sein“, meint er. Dabei ist für ihn völlig klar, dass er gerade seinen Traum leben kann. Man kann bei der Bundeswehr als Pilot auch anders Karriere machen, die allerdings mache man „vor allem im Büro“. Da hat er auch bereits einige Erfahrungen sammeln dürfen, aber „ich will ganz eindeutig im Cockpit bleiben“. Das Fliegen ist nicht nur sein Beruf, sondern auch sein Hobby. Nebenbei macht er noch eine Weiterbildung zum Fluglehrer auf kleinen einmotorigen Maschinen. Nur Segelfliegen, mit dem alles mal angefangen hat, „schaffe ich nicht mehr“.
Was könnte er denn jungen Leuten empfehlen, die einen ähnlichen Traum wie er haben? Zunächst einmal bemerkt er, dass Traum und Realität sich im Laufe der Jahre doch – auch bei ihm – sehr unterscheiden würden. Er sei, und das merkt man ihm unbedingt an, begeisterter Pilot, aber er würde allen jungen Menschen, die sich dafür interessierten, immer raten, parallel ein „zweites Standbein, Studium oder Ausbildung“ aufzubauen. Eine Pilotenausbildung privat zu finanzieren sei „sehr, sehr teuer“. Außerdem bekämen durchaus nicht alle ausgebildeten Piloten „immer und überall eine Anstellung“. Das sei natürlich bei der Bundeswehr anders, was er auch enorm schätze. Für mindestens 16 Jahre muss (und will!) er deshalb auch dabeibleiben. Ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik hat er aber obendrein absolviert. Außerdem, so banal es klingt, muss jeder Pilot einmal im Jahr zur flugärztlichen Untersuchung. „Auch da ist ja nicht sicher, dass man immer gesund ist und bleibt.“ Für etwa fünf bis sechs Jahre bleibt er nun Co-Pilot und fliegt mit einem erfahrenen Piloten. Das mit dem Team lag ihm schon immer mehr, als solo in einem Kampfjet zu fliegen.
Hauptmann Braunsburger fliegt etwa einmal in der Woche. Die Flugbereitschaft in seiner „Staffel“ und speziell mit der „Global 5000 oder 6000“ (die Zahl hinter dem Namen gibt die Reichweite in Meilen an) teilen sich etwa 40 Piloten. Eine Pilotin gehört auch dazu. In der Zwischenzeit ist er mit Planung einer „nächsten Mission“ beschäftigt und hat Einiges an „Papierkram“ zu erledigen. Sein schönstes Ziel sei übrigens Quito in Ecuador gewesen. „Spannender Flughafen.“ Über seine Fluggäste hat er kaum gesprochen. Der Kreis ist ja überschaubar. „Ganz schön“ fand er es, den Bundesfinanzminister und Abgeordneten seines Heimatwahlkreises, Lars Klingbeil (SPD), zu fliegen. Der habe schließlich auch schon mit seiner Großmutter, der in Rotenburg unvergessenen Hedda Braunsburger, die ersten politischen Schritte getan. Apropos Rotenburg: Hier ist Leon Braunsburger nach wie vor sehr verwurzelt. Hier hat er noch eine große „tolle und sehr enge“ Freundesclique aus der Schulzeit und auch seine Familie, die ihm sehr wichtig ist. Seinen Hauptwohnsitz hat er aber mittlerweile in Köln.
Nach gut zwei Stunden Abschied vom Flughafen Köln-Wahn. Der hiesige Standort der Bundeswehr-Flugbereitschaft ist nicht klein: 1.200 Menschen arbeiten hier. Das großzügige Areal grenzt direkt an den zivilen Flugplatz Köln-Bonn an. Nicht unwichtig für die militärischen Flieger: Hier gibt es kein Nachtflugverbot. Mancher VIP-Flug kann aufgrund der Terminpläne der Spitzenpolitiker nicht mal eben für den Tag geplant werden. Es gibt übrigens noch zwei weitere Standorte für die Flugbereitschaft: einen in Berlin-Schönefeld und einen in Tegel. Oftmals hat man diskutiert und diskutiert nach wie vor, ob es nicht sinnvoller wäre, alles an den Regierungssitz zu verlegen. Allerdings haben mehrere Ministerien (darunter auch das für Verteidigung) ihren ersten oder zweiten Dienstsitz in Bonn, und ein Umzug wäre nicht wenig aufwendig.
Der Check-out ist noch mal genauso intensiv wie der Check-in: Einer der Presseoffiziere sieht alle meine Fotos durch, ob vielleicht unabsichtlich irgendwelche Überwachungskameras oder sonstigen „sensiblen Objekte“ mit der Kamera erwischt wurden. Wurden nicht! Die extra für diesen Tag erteilte schriftliche Fotoerlaubnis muss zurückgegeben werden. Alles wird gründlich, aber wieder außerordentlich freundlich gehandhabt. Leon Braunsburger begleitet noch zum Auto. Mit dem Flieger wären es 30 Minuten bis Bremen. Über die Autobahn dauert es dann doch vier Stunden.
 
Hinweis
Eine kleine Abbitte muss ich noch tun: Der Titel meiner Reportage „Der Überflieger“ war mir zwischendurch so eingefallen. Und wenn sich so eine Idee erst einmal festgesetzt hat... Es bleibt für mich faszinierend, dass so ein Mann, der mit 14 Jahren mal davon träumte, Pilot werden zu wollen, das schließlich auch geschafft hat und einen bis heute mit seiner Begeisterung anstecken kann. Gleichwohl würde er sich mit seiner Bodenständigkeit und Bescheidenheit selbst nie als „Überflieger“ bezeichnen. Das bleibt also dem Chronisten vorbehalten. (msc)

MICHAEL SCHWEKENDIEK

Dieser Artikel ist auch onlne erschienen: Rotenburger Kreiszeitung